Faisal Nasir Foto

Faisal Nasir musste sich seine Zukunft erkämpfen

„Kastensystem durchlässiger

als deutsche Schulen“

Porträt am Sonntag: Faisal Nasir musste sich seine Bildung erkämpfen

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 V.O.N…..M.I.C.H.A.E.L…..G.I.R.K.E.N.S…..

Hamm. Faisal Nasir greift nach dem Zuckerstreuer und schiebt ihn weit nach vorn. Das seien die Akademikerkinder, die dürften aufs Gymnasium. Er schiebt ein Wasserglas nach vorn, aber viel weniger weit – das seien die in Deutschland geborenen Einwandererkinder, die dürften zur Realschule. Höchstens. Ein Töpfchen Kaffeemilch bleibt vor ihm stehen: „Das bin ich“, sagt Nasir, „ich bin nicht hier geboren. Ich musste zur Hauptschule.“ Das deutsche, das dreigliedrige Schulsystem sortiere aus: Akademikerkinder würden zu Akademikern und Arbeiterkinder zu Arbeitern gemacht. Das sagt Faisal Nasir, und er sagt es aus eigener Erfahrung. Er hat in der Schule in der alleruntersten Liga gespielt. Als Kind pakistanischer Flüchtlinge bekam er in der Hauptschule zu hören: „Du startest doch eh eine Hartz-IV-Karriere“. Jetzt, rund zehn Jahre später, arbeitet er als Industriekaufmann und hat noch einiges vor. 1999 kam Nasir als zwölfjähriger nach Deutschland. In Pakistan war er ein guter Schüler gewesen, der Stoff im Unterricht fiel ihm leicht. „Wir haben schon in der siebten Klasse Algebra abgeschlossen“, sagt er. In Deutschland, in Berlin, kam er zunächst in eine Förderklasse – der Sprache wegen. Ein Jahr dauert der Sprachunterricht normalerweise, aber er aber konnte schon nach drei Monaten in eine normale Grundschule gehen. In Berlin lernen die Kinder länger zusammen, die Grundschule läuft über sechs Jahre. Lehrerin: „Du schaffst sowieso nur Hartz IV“. Faisal Nasir durfte aber nicht in Berlin bleiben. Flüchtlinge werden über ganz  Deutschland verteilt, und seine Familie kam nach Soest. Nach nur einem halben Jahr in der Realschule habe es geheißen: „Du bist zu unruhig, geh‘ zur Hauptschule“. Und dort, ab der siebten Klasse, bekam er zu hören: „Du schaffst sowieso nur Hartz IV“. Geschafft hat er auf dieser Schule in Soest tatsächlich nur den „normalen“ Hauptschulabschluss nach 10 A. Eine Lehrstelle als Kfz-Lackierer fand er trotzdem. In dem Betrieb hatte er im neunten Schuljahr ein Praktikum gemacht, und sein Ausbilder hielt ihm die Stelle ein Jahr offen, bis der Junge die Schule beendet hatte – denn der hatte sich im Praktikum richtig reingehängt. Die Ausbildung gelang, Arbeit fand Nasir in Ahlen. Aber sein Körper spielte nicht mit, nach drei Jahren brauchte er eine neue Aufgabe, weil er sich einen Tennisarm eingefangen hatte – und der war eine Folge der Arbeitsüberlastung. Mit Hilfe seines Chefs und der Stadt Hamm, wo Nasir mittlerweile lebte, schulte er auf Industriekaufmann um. Das ging nur, weil er in der Abendschule mittlerweile die mittlere Reife nachgeholt hatte. So wechselte Faisal Nasir von der Produktion in die Verwaltung seines Betriebes. Seine Idee: Für seine Firma den pakistanischen und indischen Markt erschließen. Das aber stieß nicht auf Gegenliebe, Nasir wurde unzufrieden und wechselte den Arbeitgeber. Das deutsche Schulsystem lässt Potenziale liegen Dabei spielte auch eine Rolle, dass Nasir in der alten Belegschaft zwischen den Stühlen saß. Seine alten Kollegen in der Produktion beäugten ihn neidisch, weil er, der Dunkelhäutige, den Aufstieg geschafft hatte. Und die neuen Kollegen in der Verwaltung schauten grimmig, weil der Pakistani jetzt mitten unter ihnen arbeiten wollte – die Hautfarbe kann eben auch ein Problem sein. Das gilt aber nicht für seinen neuen Arbeitgeber,  für den er den pakistanischen und indischen Markt bearbeitet. Seine nächsten Pläne gehen in Richtung Studium… Im deutschen Schulsystem  macht Nasir viele Schwächen aus. Die Auslese der Kinder beginne schon damit, dass deren Eltern nicht aufgeklärt würden. „Meine Eltern dachten, eine Hauptschule sei gut für mich“, sagt der heute 27-Jährige, „niemand hat ihnen gesagt, dass die Hauptschule eine Sackgasse ist.“ Wer einmal auf dieser Schiene rolle, komme nur mit viel eigener Energie wieder runter. „Das indische Kastensystem ist durchlässiger als das deutsche Schulsystem“, analysiert Nasir, „denn in Indien gibt es Gesetze, nach denen hohe staatliche Stellen auch mit Menschen aus der untersten Kaste besetzt werden müssen.“ Das starre deutsche Schulsystem schaffe Verlierer, wichtiges Potenzial bleibt ungenutzt. Von seinen alten Kumpels aus Soest seien die meisten zur Hauptschule gegangen. „Von denen hat keiner heute eine feste Stelle“, sagt er. Sie stehen immer noch da, wo er das Töpchen Kaffeemilch am Anfang des Gesprächs hingestellt hat. Faisal Nasir legt einen Finger darauf und schiebt es nach vorn bis zum Zuckersteuer, der die Akademikerkinder darstellen soll, und darüber hinaus. Und sagt: „Da will ich hin.“

Sonntagsportrait im Stadtanzeiger mit Faisal Nasir. Faisal ist Spitzenkandidat der Wählergruppe Pro Hamm im Stadtbezirk Heessen. Als Wählergruppe sagen wir Danke für sein gesellschaftliches Engagement und wünschen ihm viel Erfolg auf seinem beruflichen und politischen Weg.

 

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